ÜBER  Z E U T H E N

Jetzt erst, im Rückfahren, sahen sie, wie malerisch das Gasthaus dalag, dem sie mit jedem Ruderschlag näher kamen. Eine hohe groteske Mütze, so saß das Schilfdach auf dem niedrigen Fachwerkbau, dessen vier kleine Frontfenster sich eben zu erhellen begannen. Und im selben Augenblick wurden auch ein paar Windlichter in die Veranda getragen, und durch das Gezweige der alten Ulme, das im Dunkel einem phantastischen Gitterwerke glich, blitzten allerlei Lichtstreifen über den Strom hin.“

(Theodor Fontane; Irrungen, Wirrungen)


So beschrieb Theodor Fontane 1888 Hankel´s Ablage, später Zeuthen, in seiner Milieustudie Irrungen, Wirrungen und setzte so Zeuthen ein literarisches Denkmal.

Zeuthen war im ausgehenden 19. Jahrhundert ein beliebtes Ausflugsziel für Wassersportler und Erholung suchende Großstädter der wachsenden Metropole Berlin. Hier konnten „Familien Kaffe kochen“. Beim Schwimmen und Rudern tankten Bewohner enger Mietskasernen Licht und Luft, entspannten und amüsierten sich bei Bootspartien und in den zahlreichen Gartenlokalen am Seeufer. Gut Betuchte besaßen ihr eigenes Segelboot und brachen sonntags auch mal zur „Wettfahrt mit Damen“ auf.

Grusskarte - Zeuthen ohne Fluglärm

Wunderschöne, denkmalgeschütze Villen an der Seeseite bereichern das Ortbild und zeugen noch heute von der Vergangenheit Zeuthens als Ferien- und Wochenenddomizil wohlhabender Berliner Kaufleute und Rentiers. Die Siedlungswelle der Weimarer Zeit ermöglichte es dann auch vielen Familien in den 20er und 30er Jahren ein Einfamilienhaus mit Garten zu bauen. Zahlreiche der teils im Bauhausstil oder als Landhausvilla errichteten Häuser sind wieder restauriert und tragen zur charakteristischen Altbausubstanz bei.

Auch heute hat Zeuthen in der Nachwendezeit wieder deutlich an Attraktivität gewonnen. Wie im ausgehenden 19. Jahrhundert spielt die günstige Verkehrsanbindung, die wald- und wasserreiche Umgebung und das von größtenteils schön wieder hergerichtetem Altbau geprägte Ortsbild eine wichtige Rolle für die Wahl des Wohnortes. 

Der Zeuthener See 18 Monate vor Inbetriebnahme des BBI

In den vergangenen Jahren war insbesondere auch die Nähe zum Flughafen bei gleichzeitig wenig direkter Lärmbelastung für viele sicher ein Argument für den Standort. So wurde Nachverdichtungspotential ausgeschöpft, schöne Altbausubstanz liebevoll renoviert und neue Baugebiete erschlossen – sogar mit dem Argument, man sei dort nicht von Fluglärm betroffen…

Umso größer war die Erschütterung bei neu zugezogenen Einfamilienhausbesitzern und Bauherren, als ihre vermeintlich kluge Wahl sich nun als entsetzlicher Bumerang erweist!

Brandenburg soll ebenfalls vom Flughafen profitieren, das erwünschte Wachstum in der Region hatte in Zeuthen wie einigen westlich des neuen Großflughafens gelegenen Gemeinden bereits eingesetzt. Bei einer Verlegung der Flugrouten wird sich dies umkehren. Die Brandenburger werden eher die Zeche zahlen. Insbesondere in Zeuthen steht nicht nur der Wohnstandort mit zahlreichen Betroffenen auf dem Spiel. Zeuthen war und ist auch ein wichtiges Naherholungsziel. Auch der örtliche Tourismus, die Wassersportler, tragen zum Wachstum in der Region bei. In der Einflugschneise werden wohl kaum noch Freizeitkapitäne mit ihren Booten unterwegs sein wollen oder gar ankern und übernachten!

Damit wäre es wohl gelungen, eine seit über hundert Jahren bestehende Tradition als Ausflugsziel, Naherholungsgebiet und begehrte Wohnlage endgültig zu zerstören.

(K. Klugewitz)